
Im Winter 1857/58 führte der Rhein einen ungewöhnlich niedrigen Wasserstand. Die sechs Lachsfischer, nämlich Johann Futz, Hermann Roesen, Peter Terhorst, Hannes van Holt aus Lüttingen und Heinrich Praest und Wilhelm Giesen aus Bislich verlegten aus diesem Grunde ihre Fangstrecke auf die rechte Rheinseit bei Bislich. Nach dem Fang wollten sie - wie schon öfters - größere Steine, an denen ihre Netze stets zerissen, in dem jetzt trockene Kiesbett des Stromes vergraben. Am Stromkilometer 824, etwa 200 m südlich der Linie Xantener Dom - Bislicher Pfarrkirche, machten sie in dem "die Pönt" (= die Ponte, die Fähre) genannten Ufergelände am 16. Februar 1858 einen außergewöhnlichen Fund.
Wie das vier Tage später in Xanten erscheinende Meurser Kreisblatt Nr. 15/1858 berichtete, stießen die sechs Fischer " auf den vorragenden Stumpf eines Armes von Bronze, der zur Entdeckung einer mit dem Kopf stromabwärts in der Erde liegenden gegossenen männlichen Statue führte". Etwas anders formulierte Franz Fiedler, Gymnasialprofessor in Wesel und langjähriger Altertumsforscher, in seinem Bericht für die archäologische Fachwelt noch im selben jahr in den "Bonner Jahrbüchern": "Schon nach den ersten Spatenstichen in dem trockenen Kies- und Sandboden stießen sie auf einen Gegenstand von Metall, der sich ihnen bei weiterem Nachgraben als eine im Ganzen wohlerhaltene fast fünf Fuß hohe Statue eines unbekleideten Jünglings von Bronze darstellte und nach ihrer Reinigung von anhaftendem Schlamm oder Schlick in goldfarbigem Glanz strahlte"! (S. 140). Der Statue fehlte nur der rechte Unterarm. Außerdem fand man die Augenhöhlen leer, die ursprünglich sicher mit anderem Material eingesetzt waren.
Die aufgeregten Fischer gingen mit ihrem Fund erst einmal in Bislich an Land, um in der Kneipe des Fährpächters de Hass "für den Knaben an der Theke einen Schnaps zu bestellen" (so schildert Werner Böcking in seinem Buch: Die Römer am Niederrhein und in Norddeutschland, Frankfurt 1974 S. 103 sehr unterhaltsam die Fundumstände). De Haas ahnte zumindest, dass die Statue von größerem Wert war und versuchte die Figur von den armen Fischern gegen drei Flaschen Jenever einzutauschen. Die mißtrauisch gewordenen Männer zogen mit ihrem Fund wieder fort und beschlossen, den "Knaben" erst einmal mit in ihre Hütten zu nehmen. So wurde die Staut von Bislich auf die linke Rheinseite nach Lüttingen gebracht. In dem kleinen Ort hatte sich der glückliche Fund natürlich bald herumgesprochen, so dass der Knabe " sich bald eines zahlreichen Besuchs zu erfreuen hatte und wegen seiner Schönheit von allen Beschauern bewundert wurde." (Fiedler,S.140). Die geschäftstüchtigen Fischer verlangten Eintrittspreis und mögen auf einen großen Gewinn gehofft haben: "Das Geschlechtsteil bedeckte ein Lendenschurz. Es wurde eine Gebühr von 10 Pfennigen erhoben, und wer den Schurz zu heben wünschte, bezahlte 20 Pfennige." (Böcking, S. 104). Nach kurzer Zeit schritt jedoch der Lüttinger Gendarm ein und verbat den Lüttinger und Bislicher Fischern diesern Nebenverdienst.
Der Fund wurde nach Düsseldorf gemeldet . Bereits nach 12 Tagen, am 28. Februar 1858, erschien Regierungsrat Wunderlich vor Ort, um die Fundumstände genauestens zu untersuchen. Die Fischer aus Lüttingen und Bislich, sowie der dortige Fährpächter wurden im Beisein der zuständigen Bürgermeister (Moster aus Wardt und Arntzen aus Ringenberg) vernommen.
Da ja die Bronzestatue im Flußbett des Rheins und somit auf Staatsboden gelegen hatt, stand dem Staat auch die Hälfte des Fundes zu. Deshalb veranlasste Regierungsrat Wunderlich, der offensichtlich in seinem Bericht erstmals vom "Lüttinger Knaben" sprach, die Überführung an das Kgl. Kreisgericht in Wesel. Die sechs Fischer hörten monatelang ncihts mehr von ihrem großen Fund. Auf Anfrag erfuhren sie schließlich aus Düsseldorf, dass die Regierung das Weseler Kreisgericht mit dem Verkauf der Statue beauftragt hatte. Nach acht Monaten wurde der "Lüttinger Knabe" jedoch in die Berliner Museen gebracht. Heute befindet er sich in der Antikenausstellung der Staatlichen Museen in Berlin. Abgüsse besitzt z.B. das Rheinisches Landesmuseum Bonn und das Regionalmuseum Xanten.
Als Finderlohn erhielten die Fischer zusammen 4.000 Taler, d.h. der Taxwert der Plastik war auf insgesamt 8.000 Taler festgesetzt worden. Die Männer legten diese Summe gut an. Zumindest von den Bislicher Fischern ist überliefert, dass von dem Geld drei Häuser mitfinanziert wurden, nämlich die heut noch stehenden Häuser Prast-Marwick, Hußmann und Giesen-Am Damm.
Eine archäologische Deutung des Fundes können Sie auf den Webseiten des Niederheinischen Altertumsvereins Xanten finden.